Satisficing beschreibt ein Verhalten, bei dem in einer Entscheidungssituation die erstbeste Möglichkeit ausgewählt wird, die wahrscheinlich das angestrebte Ziel erfüllt.
Das Ziel wird als Anspruch formuliert. Zur Zielerreichung werden dann Möglichkeiten gesucht. Gelingt es über eine längere Zeit nicht, passende Möglichkeiten zu finden, wird das Anspruchsniveau an das Ziel gesenkt, bis sich die erstbeste Möglichkeit findet, mit der der gesenkte Anspruch an das Ziel erfüllt werden kann.
Zeitdruck verstärkt die Neigung zur erstbesten Lösung
Unter Zeitdruck greifen Organisationen fast automatisch zur erstbesten Antwort, statt Alternativen zu prüfen. Der Zeitdruck, unter dem heute häufig Entscheidungen getroffen werden müssen, fördert und verstärkt wahrscheinlich das Satisficing.
Oft genug gilt es als gelungener Tag, wenn Manager:innen viele Entscheidungen pro Tag treffen konnten. In jedem Meeting geht es darum, Action Items zu beschließen, Richtungen vorzugeben, Dinge einfacher zu machen, um Sicherheit zu geben. Jede dieser Entscheidungen beschreibt ein wenig die Verzweiflung und gibt uns zumindest das Gefühl von:
„Es geht vorwärts, es geht weiter, es passiert wenigstens etwas.“
Binäres Denken reduziert Komplexität auf richtig oder falsch
Entscheidungsfreude führt in eine Falle, wenn komplexe Situationen auf binäre Entscheidungen reduziert werden. Wir fragen nur noch: richtig oder falsch. Eine meiner Lieblingsfragen in Werkstätten, die sich mit Entscheidungen und Zukünften befassen, ist, ob es Teilnehmende gibt, die eine Person kennen, die wusste, dass sie im Lotto gewinnt und deshalb bereits vorauseilend gekündigt und für den Tag nach dem Lottogewinn ein großes Abschiedsfest mit den Kolleg:innen mit Champagner und Kaviar bestellt hat.
Die Zukunft ist nicht beliebig – aber sie kann immer auch anders sein, als wir sie uns vorstellen.
Nichtstun ist eine unterschätzte Alternative
In Entscheidungssituationen ist das Nichtstun oft die klügere Wahl als die erstbeste Antwort. Deshalb ist es essenziell, nicht die erstbeste Antwort als die einzige Antwort zu betrachten und sich zu schnell mit dieser einen Antwort zufrieden zu geben. Eine weitere – leider oft übersehene – Alternative ist das Nichtstun. Das Dilemma mit dieser Antwort liegt darin, dass wir glauben, dafür nicht bezahlt zu werden.
Wer Entscheidungen nach dem Muster richtig/falsch trifft, geht davon aus, dass die Zukunft aus der Vergangenheit ableitbar und definierbar und damit vorhersagbar ist. Bei der Vielzahl von Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen – es sind circa 35.000 –, ist es für die Mehrzahl der Entscheidungen nicht anders möglich und auch nicht sinnvoll, sie nach dem Muster richtig/falsch zu treffen.
Es gilt jedoch, die wirklich wichtigen Fragestellungen herauszufiltern – solche, die nach dem Kybernetiker und Konstruktivisten Heinz von Foerster (1993) prinzipiell nicht entscheidbar sind. Gerade das Nichthandeln, wenn nicht klar ist, welche möglichen Alternativen neben der erstbesten Möglichkeit noch existieren, ist manchmal die bessere Wahl, als eine einzige Antwort als die richtige zu betrachten.
„Denn wer nur eine Antwort hat, muss irgendwann unweigerlich mit dem Kopf durch die Wand oder durch die geschlossene Schranke fahren, ohne zu wissen, welche Konsequenzen zu erwarten sind.“
Wie können wir lernen, diesen Raum zwischen zu wenigen und zu vielen Möglichkeiten produktiv zu nutzen?