Ziele erscheinen in Organisationen oft wie klare Wegweiser. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Sie sind Spiegelbilder derjenigen, die sie setzen.

Ziele sind weniger objektive Fixpunkte als vielmehr Ausdruck von Machtverhältnissen – und nicht das Resultat neutraler Vernunft oder objektiver Analyse. Wer das übersieht, unterschätzt die sozialen und politischen Aushandlungsprozesse, die jeder Zielsetzung vorausgehen.

Ziele entstehen im Machtfeld, nicht im luftleeren Raum

Ziele werden von Menschen gemacht, die über Ressourcen, Einfluss oder andere Machtmittel verfügen. Sie fallen nicht einfach vom Himmel. Was in einer Organisation als „wünschenswerter Zustand“ gilt, ist selten das Ergebnis nüchterner Analysen, sondern meist das Resultat von Deutungshoheit und geschickter Positionierung im Machtgefüge.

Wer sich mit Zieldefinitionen beschäftigt, sollte sich deshalb immer fragen: Wer profitiert von diesem Ziel? Wer kann es durchsetzen? Wer bleibt außen vor?

Organisationen sind, so zeigt der Soziologe Niklas Luhmann (1994) in seiner Systemtheorie, keine rationalen Zweckverbände, sondern Systeme, die Komplexität durch Entscheidungsprämissen reduzieren. Ziele sind dabei nicht neutrale Wegmarken, sondern Ausdruck der jeweils dominanten Machtverhältnisse. Sie dienen oft weniger der tatsächlichen Steuerung als vielmehr der Legitimation bestehender Interessen und der Stabilisierung von Machtpositionen.

Macht ist kein Besitz, sondern ein Beziehungsphänomen

Macht in Organisationen entsteht überall dort, wo Akteure Unsicherheiten kontrollieren, Ressourcen verteilen oder Kommunikationswege bestimmen können. Sie ist kein Besitz, sondern ein Beziehungsphänomen.

Diese Machtverhältnisse sind nie einseitig: Auch scheinbar „Machtlose“ behalten immer einen Rest an Autonomie, indem sie etwa Anweisungen schlecht ausführen oder durch Verweigerung und Widerstand Einfluss nehmen können. Letztlich ist es „nur“ die Frage, ob man die Konsequenzen tragen kann und will, wenn man die Macht des Anderen verweigert.

Das Machtspiel ist also dynamisch und ständig in Bewegung – und Ziele sind ein zentrales Spielfeld dieses Spiels.

Die Vorstellung, Ziele seien objektive, rational ableitbare Fixpunkte, ist eine nützliche Fiktion. In Wahrheit sind sie das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, in denen Akteure mit unterschiedlichen Interessen, Ressourcen und Deutungsmacht um die Definition des „Wünschenswerten“ ringen. Wer sich dabei durchsetzt, hängt weniger von der Qualität der Argumente als von der Position im Machtgefüge ab.

Wer Ziele setzt, setzt die Spielregeln

Zielprozesse sind Bühnen für Machtspiele, auf denen Interessen verhandelt, Koalitionen geschmiedet und Gegner ausgebootet werden. Die systemische Perspektive lädt dazu ein, sie genau so zu betrachten.

Wer Ziele setzt, setzt damit auch die Spielregeln für zukünftige Aushandlungen und verschiebt die Machtverhältnisse zu seinen Gunsten. Die Integration von Zielen in die Organisation ist daher nicht einfach ein Akt der Steuerung, sondern ein politischer Prozess, der immer auch von strategischer Kommunikation, verdeckten Allianzen und symbolischer Machtdemonstration geprägt ist.

Ziele dienen so oft weniger der Steuerung als der Legitimation bestehender Interessen. Sie sind Teil der „Unsicherheitsabsorption“, wie der Soziologe Niklas Luhmann es nennt: Sie reduzieren Komplexität, schaffen Orientierung – aber immer im Rahmen der Machtstrukturen, die sie hervorbringen und stabilisieren.

Rationale Zielsetzung verdeckt die eigentlichen Machtprozesse

Je mehr Organisationen auf rationale Zielsetzung setzen, desto stärker werden die eigentlichen Aushandlungs- und Machtprozesse verdeckt. Organisationen neigen dazu, Ziele als rationale Steuerungsinstrumente zu inszenieren. Doch dieser Glaube ist selbst Teil des Machtspiels.

Die Organisation erscheint nach außen als vernunftgeleitet, während im Inneren Machtspiele, Koalitionen und strategische Platzierungen den Ausschlag geben.

Luhmann spricht hier von der „Paradoxie der Entscheidung“: Jede Entscheidung – und damit auch jede Zielsetzung – ist immer auch willkürlich, weil sie Alternativen ausschließt, die genauso möglich gewesen wären. Die Rationalität der Zielsetzung ist damit immer begrenzt und dient letztlich der Absorption von Unsicherheit, nicht der Herstellung von Wahrheit oder Objektivität.

Die entscheidende Frage ist nicht, wie gute Ziele aussehen

Wer mit Zielen in Organisationen arbeitet, sollte weniger fragen, wie „gute Ziele“ aussehen, sondern vielmehr: Wer profitiert von diesem Ziel? Wer setzt es durch? Wer bleibt außen vor?

Zielprozesse sollten für verschiedene Perspektiven geöffnet werden. Es gilt, die dahinterstehenden Interessen, Ressourcen und Machtpositionen explizit zu machen und als Teil des Prozesses zu thematisieren.

Diese Reflexion ist kein Vorwurf, sondern notwendige Bedingung für eine realistische Einschätzung organisationaler Realität. Wer verschiedene Perspektiven zulässt und die Machtverhältnisse, die hinter Zielen stehen, offen anspricht – nicht als Vorwurf, sondern als ehrliche Reflexion – erkennt zumindest, wo die eigentlichen Hebel liegen, um Ziele wirklich zu erreichen.

Wer Zielprozesse öffnet und Machtverhältnisse explizit macht, schafft neue Möglichkeiten der Einflussnahme. Macht lässt sich nicht einfach wegmoderieren. Die Öffnung der Zielprozesse verschiebt die Machtspiele nur – sie verschwinden nicht.

Aber genau das ist der entscheidende Schritt: Die Organisation lernt, mit diesen Verschiebungen umzugehen, statt sich von der Illusion objektiver Ziele leiten zu lassen.